Dienstag, Mai 23, 2017

Mein erster hochalpiner Segelflug

Sisteron, 26. April 2014: Der frühe Vogel fängt den Wurm, respektive die Thermik. Das man an einem Tag mit bereits vom Vortag bekannten Top-Wetteraussichten nicht bis in die Puppen schlafen kann, ist heute die erste Lektion, die ich zu lernen habe. Schon vor dem in Sisteron üblichen 10 Uhr-Briefing haben Ingo Treuter, seine Jutta, mein verschlafenes Selbst (noch ohne Frühstück, da ahnungslos…) und Axel Schifer unseren Vereins-Arcus-T sowie Axels Discus 2b an den Start geschoben, was unserem Arcus den nicht eben grandiosen 6. Rang in der Startreihenfolge eingetragen hat. Das 10 Uhr-Briefing bestätigt die Top-Wetterlage: Toptherm zeigt in vielen Alpengebieten gute Steigwerte und Basishöhen, vor allem in den Hochalpen nordöstlich von uns.

Nachfolgend komme ich noch zu einem schnellen Frühstück, dann geht es ans Zusammenpacken der Ausrüstung – Klamotten, Fußsohlenheizung, Kamera, Pipi-Tüten etc. Am Start ist es so warm wie es Ingo bereits im Vorfeld angekündigt hat – wir tragen kurze Klamotten. Nun lauere ich auf meinen Mentor: Wann macht er sich fertig? Als es dann so weit ist, kommt Hektik auf. Es gilt nun, sich schnell anzuziehen, um bei der Hitze nur für eine möglichst kurze Zeit hier unten dick angezogen warten zu müssen. Bis ich die Fußsohlenheizung-Socken-Kombination anhabe und die Skihosen mitsamt den Kabeln in den Winterstiefeln „montiert“ sind, vergehen deutlich mehr als 10 Minuten. Lektion 2: so viel Zeit muß man also bei der Menge Ausrüstung einkalkulieren. Für den Interessierten: Obenherum trage ich ein Polyester-Wander T-Shirt, darüber eine Fliesjacke und darüber eine atmungsaktive Windjacke - eine weitere dicke Jacke ist sozusagen als Backup bei Ingo hinten gelagert. Nach einigem Hängen und Würgen sitze ich schließlich da, wo ich sitzen soll und es kann losgehen.

Die Morane zieht an und kurz nach 13 Uhr haben wir Luft unter den Flügeln. Ich sitze vorn auf dem Panoramaplatz und übernehme den Start, der uns zum „Gache“, dem zweiten Hausberg des Platzes, hinüber führt. Dort geht aber thermisch nicht viel, so ist nach ein paar Testkreisen schließlich der Motor draußen und wir ratteln in Richtung Osten. Nur 2 Minuten später hat Ingo einen Top-Bart erwischt. Motor wieder rein und mit 4 m/s geht es über einem Grat aufwärts.
Nachdem dieser Bart aufgebraucht ist, geht es weiter Richtung Nord-Ost in die Hochalpen! Kaum 30 Minuten sind vergangen und schon fliegen wir im Barcelonette-Tal zwischen den ersten schneebedeckten 2500ern. Es ist schlicht traumhaft, ziemlich genau so hatte ich mir das vorgestellt! Hauptsächlich fliegt Ingo selbst, es geht an leicht sonnenbeschienenen Hängen entlang und wenn wir genügend weit über die Grate hinweggekommen sind, können wir Sie auch kreuzen, um uns weiter nach Norden zu mogeln. Unten gibt es Straßen und Pässe zu sehen, dazu Skigebiete, die noch Schnee bis zum Tal führen, während rundherum schon alles weg ist – da sind die Schneekanonen noch im Einsatz. Die Lifte und die an den Hang geklatschten Skiurlaubs-Dörfer sehen faszinierend aus.

Für einen gut gebrieften Gebirgsneuling wie mich ist diese Art des Fliegens natürlich echt spektakulär: Einkreisen wie gehabt weg vom Hang, dann aber mit tief gesenkter Nase und ordentlich Fahrt auf der Uhr wieder „auf den Hang drauf“. Es sieht aber gar nicht so schlimm aus, wie Ingo es mal beschrieben hatte. Unterhalb der Hangkante kreisen wir eng, mit deutlich über 50° Neigung und das Kreisen zum Hang zurück sieht nur auf den ersten Blick übel aus, auch wenn die Nase hier wirklich runter muß. Jeder Nicht-Segelflieger würde hier aber vermutlich die Panik und gleichzeitig noch das Kot...en kriegen.

Es geht weiter nach Norden bis fast zum Modane-Tal, dann wieder zurück. Über einem Tal in den Ecrins kriegen wir plötzlich sogar eine Art Welle - trotz nur 10 bis 15 km/h Wind! Wie geht das denn bitte? Wie auch immer – wir steigen langsam und ruhig zwischen den Wolken mit ca. 1 m/s und am Ende kratzt der Höhenmesser fast an der 4000 m-Marke, allerdings ohne sie ganz zu erreichen. Inzwischen haben wir längst die Sauerstoff-Versorgung aktiviert und auch für mich als Neuling funktioniert das perfekt - man muß sich um nix kümmern und beim Einatmen kommt immer ein Schuss O2 mit dazu. Am kurzen Zischen aus dem Steuergerät hört man, dass die Sache funktioniert.

Meine Fußsohlenheizung funktioniert ebenfalls perfekt, nach ca. 1 h Flug und dem ersten Anflug von kalten Füßen hatte ich sie eingeschaltet – und nun sind die gesamten Fußsohlen warm. Das gefürchtete Kalte-Füße-Problem ist damit im Keim erstickt. Auch der Start war von der „Temperaturführung“ her eigentlich ok - nach dem Anziehen der oben beschriebenen „Fliegerkombination“ (;o)) und dem Schließen der Haube war es zwar schon heiß, aber mit Lüftung vom Seitenfenster und offener Jacke blieb es erträglich. Inzwischen habe ich alle Jacken geschlossen und fühle mich pudelwohl – das Klamottenkonzept ist ein voller Erfolg. Die Sohlenheizung betreibe ich übrigens mit einem extra angefertigten Kabelsatz an einem größeren USB-Akku, der 13000 mAh an 3,7 V liefern kann. Das macht bei 5 V ca. 9600 mAh - rein rechnerisch müsste das so für um die 5 Stunden reichen. Ich hatte den Strombedarf zu Hause noch vermessen: jede Sohlenheizung braucht bei 5 V ca. 850 mA und liefert dafür konstant 45 °C.

Zurück zum Flug: Es ist 15:30 Uhr und wir haben in der seltsamen und eigentlich gar nicht existieren dürfenden Welle nahezu 4000m Höhe bekommen und nun steuert Ingo auf den hohen vergletscherten Gipfel zu, den wir schon die ganze Zeit beobachten! Was für ein Wahnsinn - wir haben tatsächlich genügend Höhe und können komplett um das Teil herumfliegen, ohne nochmal Aufwind zu kriegen (der Gipfel heißt „Pic Lory“ und ist 4025 m hoch, wie ich beim Schreiben dieser Zeilen inzwischen weiß). Oben auf dem Gletscher am Gipfel gibt es sogar Skispuren - da sind Leute einfach auf dem Gletscher heruntergewedelt. Ich frage mich vor allem, wie die da vorher raufgekommen sind! Per Hubschrauber oder zu Fuß… ? Ich filme die gesamte Umkreisung des Gipfels mit – so was erlebt man nicht jeden Tag!

 



Nach erfolgreicher Umkreisung geht dann gen Süden – zum sogenannten Parcour, einer aus langen Bergketten/ Graten bestehenden Rennstrecke, die nachmittags von der Sonne angestrahlt wird und somit thermisch geht - bei Westwind dann auch zusätzlich noch mit Hangaufwind. Und das funktioniert heute prächtig. Es ist 16:30 Uhr, ich bin inzwischen mal wieder am Knüppel und kann die ersten Hänge komplett ohne Kreisen entlangfliegen. Immer schön konzentriert in gebührendem, aber auch nicht zu großem Abstand zu den Felshängen – einfach phantastisch. Wir schaffen es ohne Einzukreisen hinunter bis zum Lac des Sainte-Croix und sehen den Platz Puimoisson. Es ist gerade mal 17:03 Uhr, als wir nach 80 km Parcours wenden und zurückfliegen. Ingo hat sich nun zum Ziel gesetzt, den gesamten Parcours auch zurück ohne Kreis abzufliegen und bis auf einen kleinen „Angst-Achter“ klappt das auch. Es ist ein wirklich einmalig geniales Fliegen hier, ich drehe immer mal wieder ein kleines Filmchen und schieße ein paar Bilder. Um 17:45 Uhr sind wir dann am Lac de Serre-Poncon und haben den 160 km Parcours in 1 h 25 min absolviert - mit nur einem „Kreis“ ! Obwohl: absolviert? Endlos genossen haben wir es!

Mit noch jeder Menge "Wasser unterm Kiel" ist der Flug zurück nach Sisteron eine Kleinigkeit - um 18 Uhr setzen wir auf. Da ich weniger als ein Drittel der Zeit selber geflogen bin, bin ich noch fit. Und abgefüllt bis zum Rand mit Eindrücken und vollauf beschäftigt, das alles zu realisieren. Das Fliegen im Hochgebirge war bis heute vor 5 Stunden ein Traum, den ich seit Beginn meiner Zeit als Segelflieger hatte – nun ist er wahr geworden. Auch wenn es ab Morgen eine Woche Mistwetter geben sollte, dann hat sich die lange Fahrt hier runter schon jetzt voll gelohnt! So etwas Ähnliches hatte Ingo schon vor langer Zeit erwähnt. Recht hat er. Das Fliegen hier ist absolut unvergleichlich – und mit einem erfahrenen Fluglehrer auf dem „Rücksitz“ auch für weniger erfahrene Segelflieger erlebbar.

Am Abend gibt es „Killarny Campingtopf“, ein „irisch-deutscher“ Schinken-Paprika-Stew, den ich mit einem Freund auf einem Campingplatz im irischen Killarny vor fast 15 Jahren „erfunden“ habe. Selber machen muß ich allerdings nicht mehr viel, denn als ich nach dem Umziehen bei meinen drei Kameraden ankomme, sind die mit dem Gemüseschnippeln schon fast fertig. So bleibt für mich fast nur noch das Kochen selbst übrig, d.h. ab und zu Umrühren und ansonsten aufpassen, dass der Topf nicht wegläuft… ;o) Nach dem Essen sitzen wir wie hier üblich noch lange zusammen, der immer kälter werdenden Nachtluft mit immer neuen Kleidungsschichten trotzend.


Nachwort:
Es sollten noch drei weitere geniale Flüge folgen – und der Mistral sorgte am letzten Tag als i-Tüpfelchen sogar noch für eine Traum-Welle bis 6000 m. Mein Dank für diese gleich mehrfache Erfüllung meines Traumes geht an die Fliegergruppe Schwäbisch Gmünd & Ingo Treuter!

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